Sportler – Marke – Mensch: der Fall Mesut Özil

Nun hat er also sein Schweigen gebrochen und wird „wegen der jüngsten Ereignisse nicht mehr für Deutschland auf internationaler Ebene spielen, so lange [../er] dieses Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspüre“. Über die Interpretation seiner Erklärung durch die Medien soll hier ebenso wenig spekuliert werden, wie über die hilflosen Leistungen und Fehlleistungen von DFB- und Nationalmannschaftsführung. Die in seinem Namen verbreitete Erklärung muss man respektieren. Teilen muss man seine Schlüsse nicht. Vor allem aber geben sie Einblick in eine Dimension des Profisports, die gerne übersehen wird, hier aber deutlich zu Tage tritt: Mesut Özil ist nicht nur Sportler und Marke, er ist auch Mensch.

Wie jeder andere Profi-Fußballer lebt er nicht nur für und von seinem Sport, er ist eine Marke mit einem gewissen Marktwert, die sein Gehalt und seinen Transferwert bestimmt. Dieser Markenwert muss durch sportliche Leistungen aufrechterhalten, idealerweise gesteigert werden und sei es auf Kosten von Mitspielern oder sportlicher Fairness. Christiano Ronaldo und Neymar waren bei der abgelaufenen WM Musterbeispiele dafür, wie man Alleinstellung als Marke und Markenwert zu inszenieren versucht.

Wenn Mesut Özil, wie er sagt und schreibt, soviel Wert auf seine türkischen Wurzeln legt, dann drängt sich die Frage auf, warum er deutscher und nicht türkischer Nationalspieler geworden ist? Ein Spielerberater würde an dieser Stelle vermutlich zu ersterem raten, weil der internationale Prestigewert der deutschen Nationalmannschaft auf den Markenwert bezogen höher sein dürfte, die deutsche Nationalmannschaft damit die bessere Geschäftsgrundlage, das bessere Geschäftsmodell bietet. So werden ihn seine türkischstämmigen Spielerberater beraten haben? Deutlich wird hier: Der Mensch tritt zugunsten des ökonomischen Erfolgs zurück. Aber der Mensch ist verletzt.

Für Sportler und insbesondere die Marke Özil gibt es Berater – wie bei jedem Spitzensportler. Ihr Business ist der Markenwert. Der Mensch dahinter zählt nicht zu ihrer Profession. Ein guter Berater hätte nämlich erkennen müssen, dass ein politischer Auftritt mit Erdogan im Vorfeld einer Wahl mit der Rolle des Sportlers im unmittelbaren Vorfeld einer WM unvereinbar ist. Ob dies in Öszils Augen politisch gemeint war, ist unerheblich: Die Interpretation des Sachverhalts war das, was Unruhe und Konflikte gestiftet hat. Nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der Nationalmannschaft. Eine derartige Beratung spielt in der Welt des Profifußballs aber offensichtlich keine Rolle. Das gilt nicht nur für Özil, es gilt auch und gerade für den DFB.

Aber zurück zu Özil: Wer als Sportler und Marke erfolgreich sein will, muss sich dem System unterordnen, schon weil er an den Systemspielregeln gemessen wird. Özil spricht von Rassismus und von rassistischen Tendenzen. Umgekehrt muss er sich aber auch die Frage gefallen lassen, wie weit seine Integration gelungen ist. Zwei Herzen in der Brust zu haben, das ist erlaubt, zwei Herren dienen zu wollen, das hat schon im 18. Jahrhundert die bekannte gleichnamige Goldini-Komödie gezeigt, geht schief, weil es zum Lavieren zwingt. So ehrenhaft das Anliegen von Özil gewesen sein mag, es war zum Scheitern verurteilt. Wer zwischen zwei Welten leben will, wird zwischen zwei Welten zerrieben. Diese Feststellung ist weder rassistisch noch diskriminierend, sie ist ein schlichtes Attest.

Bei allem populistischen Rassismus- und Integrationsgefasel, das jetzt wieder in den Medien und von politischen Mandatsträgern zu hören ist, muss der Blick auf etwas ganz anderes gehen: Profisportler sind wie Unternehmen: Sie brauchen für ihr Auftreten in Markt und Gesellschaft Unterstützung. Markt alleine genügt nicht. Sportler sind aber auch Menschen, die gerade aufgrund ihres prominenten Status im Licht der Öffentlichkeit stehen, sich darin gerne sonnen, in Konflikten aber zu verglühen drohen. Mesut Özil muss sich unter dem Strich nur vorhalten lassen, von Beratern schlecht beraten worden zu sein, die von außersportlichen Sachverhalten nichts verstehen. Und sollten sie es doch, dann haben sie ihn politisch instrumentalisiert. Oder wollte er es einfach besser wissen?

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