Nachhaltigkeitsberichterstattung (auch: CSR-Richtlinie)

[11.05.2017-V01] Nachhaltigkeitsberichterstattung durch Angabe nicht-finanzieller Leistungsindikatoren ist dem Deutschen Rechnungslegungsstandard (DRS 20) entsprechend für Unternehmen und Konzerne ab einer bestimmten Größe seit 2012 immer dann verpflichtend, wenn diese Informationen von Bedeutung für das Verständnis von Geschäftsverlauf oder Lage sind. Als Beispiele für nicht-finanzielle Leistungsindikatoren werden dort (1) Kundenbelange (wie Kundenstamm, Kundenzufriedenheit), (2) Umweltbelange (wie Emissionswerte, Energieverbrauch), (3) Arbeitnehmerbelange (wie Mitarbeiterzufriedenheit, Betriebszugehörigkeit, Mitarbeiterfluktuation), (4) Forschung und Entwicklung (soweit nicht eigenständig ausgewiesen) sowie (5) gesellschaftliche Reputation (wie soziales und kulturelles Engagement, Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung) angeführt. Bereits hier fällt auf, dass → Nachhaltigkeit dabei im Wesentlichen aus der Inside-out-Perspektive betrachtete und jeweils nach dem Leistungsbeitrag des Unternehmens in den jeweiligen Bereichen gefragt wird.

Mit der Diskussion um die Umsetzung einer „CSR-Richtlinie“ des Europäischen Parlaments (2014/95/EU v. Okt. 2014) in nationales Recht, die in Deutschland im April 2017 in einem „„Gesetz zur Stärkung der nichtfinanziellen Berichterstattung der Unternehmen in ihren Lage- und Konzernberichten“, auch „CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz“ genannt, gemündet ist, wurde der Stellenwert immaterieller Vermögenswerte weiter erhöht. Das Gesetz bezieht sich zwar nur auf kapitalmarktorientierte Unternehmen und Konzerne mit mehr als 500 Mitarbeitern und einer Bilanzsumme von mehr als 20 Mio. Euro bzw. Umsatzerlösen von mehr als 40 Mio. Euro. Wie bei eingeführten Formen von Pflichtberichterstattung, ist aber hier davon auszugehen, dass auch nicht-berichtspflichtige Unternehmen von dieser Möglichkeit Gebrauch machen werden, um ihre Leistungsfähigkeit zur Profilierung in Markt und Gesellschaft bei Stakeholdern und Gesellschaft auszuweisen. Nachhaltigkeitsberichterstattung kann integriert in den Geschäftsbericht, parallel zum Geschäftsbericht und diesem nachgeordnet erfolgen. Für Unternehmen besteht dabei keine Pflicht, ihre CSR- oder Nachhaltigkeitsberichte prüfen und testieren zu lassen; bei freiwilliger Prüfung sind die Ergebnisse aber mit dem Bericht zu publizieren.

Bereits im Referentenentwurf wurde einleitend betonte, dass „sowohl in der Zivilgesellschaft als auch auf Seiten der Wirtschaft ein großes Interesse daran [bestehe], dass die Funktion der Rechnungslegung erhalten bleibt, die in erster Linie darin besteht, für die Unternehmenssteuerung  und zugleich für externe Nutzer relevante Informationen bereitzustellen und so ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage eines Unternehmens sowie seiner Entwicklung mit Blick auf Chancen und Risiken zu vermitteln“ (Referentenentwurf 2016, S. 1). Der Einbezug immaterieller Vermögenswerte also nur als eine Ergänzung und nicht als eine grundlegende Veränderung bestehenden Bilanzrecht gedacht. Die entsprechenden Regelungen sollen „das Vertrauen von Investoren sowie Verbraucherinnen und Verbrauchern in Unternehmen stärken [..], indem mehr als bisher über nichtfinanzielle Aspekte der Tätigkeit von bestimmten Unternehmen berichtet wird“; gleichzeitig sollen „das Handeln der Unternehmen beeinflusst und ein Anreiz geschaffen werden, nichtfinanziellen Belangen und damit verbundenen Risiken, Konzepten und Prozessen stärkeres Gewicht in der Unternehmensführung beizumessen“ (ebd., S. 28).

Im Gesetz (HBG § 289b) wird nicht von einer Berichterstattung oder einem → Nachhaltigkeitsbericht gesprochen, sondern zurückgenommen von einer „nichtfinanziellen Erklärung“, in der zunächst in Absatz 1 „das Geschäftsmodell der Kapitalgesellschaft kurz zu beschreiben“ ist. Absatz 2 benennt die Aspekte, auf welche sich die Erklärung „zumindest“ beziehen muss:

  1. Umweltbelange (wie Treibhausgasemissionen, Wasserverbrauch, Luftverschmutzung, Nutzung erneuerbarer/nicht erneuerbarer Energien, Schutz der biologischen Vielfalt),
  2. Arbeitnehmerbelange (wie Gewährleistung der Geschlechtergleichstellung, Arbeitsbedingungen, Übereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation, Achtung von Arbeitnehmerrechten, sozialer Dialog, Achtung von Gewerkschaftsrechten, Gesundheitsschutz, Arbeitsplatzsicherheit),
  3. Sozialbelange (wie Dialog auf kommunaler oder regionaler Ebene, oder Maßnahmen zum Schutz und zur Entwicklung lokaler Gemeinschaften),
  4. Achtung der Menschenrechte (wie Vermeidung von Menschenrechtsverletzungen) und
  5. Bekämpfung von Korruption und Bestechung (wie Angaben zu Instrumenten zur Bekämpfung).

Hierzu sind „jeweils diejenigen Angaben zu machen, die für das Verständnis des Geschäftsverlaufs, des Geschäftsergebnisses, der Lage der Kapitalgesellschaft sowie der Auswirkungen ihrer Tätigkeit“ auf das Unternehmen „erforderlich“ sind. Wird in Absatz 2 zu einem oder mehrere genannten Aspekten kein Konzept verfolgt, hat das Unternehmen dies im „klar und begründet zu erläutern“ (Abs. 3, 1 u. 2). In Absatz 3 werden schließlich die folgenden Angaben gefordert:

  1. Beschreibung der von der Kapitalgesellschaft verfolgten Konzepte einschließlich der Konzepte zur Risikoprüfung (Due-Diligence-Prozesse),
  2. Beschreibung der vorstehend ermittelten Ergebnisse,
  3. Beschreibung der wesentlichen, mit der Geschäftstätigkeit des Unternehmens verbundenen Risiken, deren bestehende oder erwartete schwerwiegende negative Auswirkungen auf die Ergebnisse des Unternehmens und die Handhabung dieser Risiken seitens des Unternehmens,
  4. Beschreibung der wesentlichen Risiken, die von den Geschäftsbeziehungen des Unternehmens und/oder dessen Produkten und Dienstleistungen ausgehen, deren bestehende oder erwartete schwerwiegende negative Auswirkungen auf die Ergebnisse des Unternehmens und die Handhabung dieser Risiken seitens des Unternehmens, soweit diese Angaben von Bedeutung sind und die Berichterstattung über diese Risiken verhältnismäßig ist,
  5. Beschreibung der für die Geschäftstätigkeit des Unternehmens bedeutsamsten nichtfinanziellen Leistungsindikatoren,
  6. soweit diese für das Verständnis erforderlich sind und/oder die im Jahresabschluss ausgewiesene Beträge erklären oder erläutern.

Wie schon beim → Deutschen Nachhaltigkeitskodex (2014), der die Mindestanforderungen dessen beschreibt, was unter Nachhaltigkeitsaspekten zu berichten ist, um das Nachhaltigkeitsengagement von Unternehmen transparent zu machen, handelt es sich auch bei der Gesetzesinitiative um ein Papier, das augenscheinlich und kurzsichtig herunter lobbyiert wurde. Unterstrichen wird dieser Eindruck durch die vorstehend nicht angeführten, im Gesetz aber breit ausgeführten Ausnahmen (HBG § 289d), die zum Ausdruck bringen, dass Politik und Wirtschaft hier einen politisch notwendigen Kompromiss eingegangen sind. Nachhaltiges Unternehmensverhalten wird als Zusatzleistung und Zusatzbelastung aufgefasst, die in einem ökonomisch vertretbaren Maße freiwillig erbracht wird, um nichtökonomischen Ansprüchen Rechnung zu tragen. Damit bewegt man sich in dem Rahmen, der 2001 in einem EU-Grünbuch abgesteckt wurde: „Mit dem Bekenntnis zu ihrer sozialen Verantwortung und der freiwilligen Übernahme von Verpflichtungen, die über ohnehin einzuhaltende gesetzliche und vertragliche Verpflichtungen hinausgehen, streben die Unternehmen danach, die Sozial- und Umweltschutzstandards anzuheben und zu erreichen, dass die Grundrechte konsequenter respektiert werden“ (S. 4). Zugespitzt formuliert wird hier von einem Altruismus gesprochen, den sich Unternehmen leisten können oder wollen oder auch nicht.

Besonders deutlich wird dies am Nachhaltigkeitskodex (DNK), der eines der „nationalen, europäischen oder internationalen Rahmenwerke“, die dem Gesetzestext nach für „die Erstellung der nichtfinanziellen Erklärung“ genutzt werden sollen; anderenfalls ist auch hier zu begründen, warum keines dieser Regelwerke genutzt wurde (HGB § 289c). Der DNK unterscheidet zwar vier Berichterstattungsbereiche mit insgesamt 20 Kriterien:

  • Strategie (strategische Analyse und Maßnahmen, Wesentlichkeit, Ziele, Tiefe der Wertschöpfungskette),
  • Prozessmanagement (Verantwortung, Regeln und Prozesse, Kontrolle, Anreizsysteme, Beteiligung von Anspruchsgruppen, Innovations- und Produktmanagement).
  • Umwelt (Inanspruchnahme natürlicher Ressourcen, Ressourcenmanagement, klimarelevante Emissionen) und
  • Gesellschaft (Arbeitnehmerrechte, Chancengleichheit, Qualifizierung, Menschenrechte, Gemeinwesen, politische Einflussnahmen, gesetzes-/richtlinienkonformes Verhalten).

Leistungsindikatoren entsprechend bestehender Reporting-Standards bestehen auch dort erwartungsgemäß nur für die Bereiche Prozessmanagement, Umwelt und Gesellschaft; für den zentralen Bereich Strategie werden sie offengelassen (DIK 2016, S. 19-22). Damit fallen DIK und Gesetz hinter eine EU-CSR-Strategie aus dem Jahr 2011 zurück, welche das Grünbuch abgelöst hat. Dort wurde CSR nicht nur politisch neu als „die Verantwortung von Unternehmen für ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft“ (S. 7) definiert, an die Stelle von „Freiwilligkeit“ rückte dort auch unternehmenspolitischer Nutzen und in drei Punkten begründet (S. 4):

  • „Für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen ist ein strategischer CSR-Ansatz von zunehmender Bedeutung. Er kann das Risikomanagement fördern, Kosteneinsparungen bringen sowie den Zugang zu Kapital, die Kundenbeziehungen, das Management von Humanressourcen und die Innovationskapazitäten verbessern.
  • CSR setzt ein Zusammenspiel von internen und externen Stakeholdern voraus und ermöglicht damit den Unternehmen, sich besser auf die Erwartungen der Gesellschaft und die Betriebsbedingungen, die einem raschen Wandel unterliegen, einzustellen und daraus Nutzen zu ziehen. CSR kann somit die Erschließung neuer Märkte vorantreiben und Wachstumsmöglichkeiten eröffnen.
  • Wenn sich die Unternehmen ihrer sozialen Verantwortung stellen, können sie bei den Beschäftigten, den Verbrauchern und den Bürgern allgemein dauerhaftes Vertrauen als Basis für nachhaltige Geschäftsmodelle aufbauen. Mehr Vertrauen wiederum trägt zur Schaffung eines Umfeldes bei, in dem die Unternehmen innovativ arbeiten und wachsen können“.

Eigentlich müssten deshalb die Anforderungen an nichtfinanziellen Erklärungen zur Nachhaltigkeitsberichterstattung radikalere Folgen haben, als vom Gesetz verlangt, denn dahinter verbirgt sich nichts anderes als ein notwendiger unternehmenspolitischer Perspektivwechsel, der in nichtfinanzieller Berichterstattung nur seinen Niederschlag finden würde. Er resultiert aus dem Eingeständnis, dass der Prozess des Wirtschaftens heute weniger denn je von den Bedingungen des Wirtschaftens zu trennen ist. Deshalb kann die bekannte Inside-out-Berichterstattung über die Leistungen eines Unternehmens heute eigentlich dem Grundgedanken des Gesetzes, durch Einbezug und Auseinandersetzung mit nichtfinanziellen Risiken die eigene Position in Markt und Gesellschaft zu stärken und durch Information über Risiken das Vertrauen von Investoren und Verbrauchern zu stärken, nicht mehr gerecht werden. Daneben wird der Einbezug der Outside-in-Perspektive notwendig, weil sich unternehmerische Risiken in einer globalen, kommunikativ vernetzten Wirtschaftswelt nicht nur an den Prozess des Wirtschaftens, sondern zunehmend auch an die Bedingungen des Wirtschaftens knüpfen. Die damit verbundenen Risiken und Chancen bilden nicht erst heute wesentliche Einflussfaktoren für den Geschäftserfolg eines Unternehmens, nicht nur bilanztechnisch, sondern vor allem und zuerst mit Nutzen für das betroffene Unternehmen unternehmenspolitisch und steuerungstechnisch einzubeziehen wären. Dies ist die eigentliche Herausforderung, die dem an dieser Stelle vorausschauenden Geist der EU-Richtlinie entsprechen würde, und sich am Ende nur konsequent auch bilanztechnisch abbildet. Vermögens-, Finanz- und Ertragslage eines Unternehmens kann sich dabei weiterhin auf materielle Einflussfaktoren beschränken, die Abbildung der Risiken und Chancen und damit das Risk-Management, muss auf und immaterielle Einflussfaktoren ausgerichtet werden

Die Folgen des Gesetzes sind bei näherer Betrachtung aber noch weiterreichend. Eine Bilanz ist bekanntermaßen eine Aufstellung von Vermögenswerten, die als (Jahres-)Abschluss im Geschäftsbericht von einem Lagebericht begleitet werden, der neben den Angaben zur Finanz-, Vermögens- und Ertragslage Angaben zu den wesentlichen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, der Geschäftsentwicklung und der Geschäftsprognose sowie den damit verbundenen wesentlichen Chancen und Risiken macht. Bilanz und Bericht liefern eine Momentaufnahme zwischen Herkunft und Zukunft. Für den wertschöpfungsbezogenen Umgang mit Beziehungskapital bedeutet dies, dass in Bilanz und Bericht immer nur das abgebildet werden kann, was sich ereignet hat. Dahinter verbirgt sich die Frage, wie weitreichend der Umgang mit Beziehungskapital zuvor Gegenstand geschäftspolitischer Entscheidungsprozesse gewesen ist, wie weit also Bilanz und Bericht Ergebnisse mehr oder weniger ausgeprägter Bewirtschaftungsprozesse immaterieller Vermögenswerte ausweisen. Oder anders ausgedrückt: Der neue Bilanzwert hat weiterreichende Folgen, denn die Umsetzung der EU-Richtlinie nimmt nicht nur Einfluss auf die Berichterstattung, sondern zwingt die Geschäftsführungen auch, sich mit den immateriellen Vermögenswerten des Unternehmens und deren wertschöpfenden Einfluss auf den Geschäftsbetrieb auseinanderzusetzen (Szyszka 2017, S. 23).

Literatur: Bundestag (2017). Gesetz zur Stärkung der nichtfinanziellen Berichterstattung der Unternehmen in ihren Lage- und Konzernberichten (CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz). Bonn. EU-Kommission (2001). Europäische Rahmenbedingungen für die soziale Verantwortung der Unternehmen. Grünbuch. Luxemburg. EU-Kommission (2011). Eine neue EU-Strategie (2011-14) für die soziale Verantwortung der Unternehmen (CSR). Brüssel. EU (2014). Richtlinie 2014/95/EU in Hinblick auf die Angabe nichtfinanzieller und die Diversität betreffender Informationen durch bestimmte große Unternehmen und Gruppen (CSR-Richtlinie). Straßburg. Rat für nachhaltige Entwicklung (2016). Der Deutsche Nachhaltigkeitskodex. Maßstab für nachhaltiges Wirtschaften. o.O. Referentenentwurf (2016). Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der nichtfinanziellen Berichterstattung der Unternehmen in ihren Lage- und Konzernlageberichten. Berlin. Szyszka, P. (2017). Beziehungskapital. Akzeptanz und Wertschöpfung. Stuttgart.

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