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Kommunikativ völlig daneben: Der DFB und der Fall „Özil/Gündogan“

Wie naiv darf ein Fußballprofi eigentlich sein, der Millionen verdient? Braucht er um die Wirkung seiner öffentlichen Auftritte nicht bewusst sein? Wie kommunikationspolitisch naiv darf ein Verband sein, wenn es um die Abschätzung entsprechender Folgen für die Nationalmannschaft bei Vorbereitung und Teilnahme am WM-Turnier und um den Verband selbst geht? Die Antwort hierauf ist ein Zirkelschluss: offensichtlich naiv. Solange es um Fußball geht, glaubt man die Regeln zu beherrschen. Aber im Fall Özil/Gündogan geht es nicht um Fußball. Es geht um Politik und kommunikationsstrategische Spielchen. Fußballverstand ist hier fehl am Platz, sogar kontraproduktiv, wie der Fall Özil/Gündogan gnadenlos offenlegt.

„Das Eigentor“ nannte es die Hamburger Morgenpost (15.05.18), eine „schäbige Propaganda für Erdogan“ die Bild-Zeitung (15.05.18), „ein selbst verschuldetes PR-Desaster“ der Meedia-Internetdienst der Handelsblattgruppe (15.05.18), jene medienwirksame Übergabe ihrer Vereinstrikots von Mesut Özil und Ilkay Gündogan an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der seither das Meinungsklima rund um die deutsche Fußballnationalmannschaft und die WM beherrscht. Die Entwicklung seither war angesichts des kommunikationspolitischen Dilettantismus, mit dem die handelnden Hauptakteure seither unterwegs sind, absehbar. Eine konzentrierte Vorbereitung auf eine Fußballweltmeisterschaft sieht sicher anders aus und wäre bei anderem Vorgehen möglich gewesen. So beherrscht das Thema, zu dem sich Gündogan erklärt, Özil aber beharrlich schweigt, weiter Fußballvolk und Medien.

Gündogan und Özil sind Erdogan nicht zufällig in die Arme gelaufen: Sie wurden im Rahmen einer Wahlkampftour des türkischen Präsidenten zur Veranstaltung einer türkischen Stiftung in London eingeladen, geködert könnte man auch sagen, gingen und ließen sich dabei medienwirksam ablichten. Nun ruft auch ein Präsident nicht einfach zwei Fußballer an und lädt zu einem Termin. Vielmehr stehen hinter den Spielern Spielerberater, die derartige Termine koordinieren, in diesem Fall eine Berateragentur, der auch ein Bruder von Özil und ein Onkel von Gündogan angehören. Was immer deren Motive waren, dem Londoner Fototermin zuzustimmen: Wer vor dem Hintergrund des politischen Klimas zwischen der Türkei und Deutschland und im Vorfeld einer WM hier nicht dankend ablehnt, ist selber schuld. Dieses hätten gute Berater erkennen müssen. Wenn sie es erkennen wollten. Aber vielleicht beginnt die Geschichte politischer Instrumentalisierbarkeit ja gerade an dieser Stelle, weil auch die Berater dies wollten. Anderenfalls würde deutlich, dass neben Fußball und Geld auch die öffentliche Wirkung eines Spielers in allen Dimension Thema für gute Berater sein sollte.

So kann es um Wahlkampfhilfe für Erdogan in Großbritannien und Deutschland gegangen sein, muss es aber nicht, zumindest nicht allein. Der zeitliche Kontext, das Vorfeld der WM, lässt auch andere Spekulationen zu: So könnte es sich auch um den bewussten und gelungenen Versuch Erdogans handeln, Unruhe im Umfeld der deutschen Nationalmannschaft, einem Flaggschiff deutschen Nationalgefühls, zu stiften und damit an unerwarteter Stelle Muskeln zu zeigen: Seht, ihr deutschen Politiker, auch ich kann Unruhe in eurem Land stiften, ohne dazu nach Deutschland zu kommen. Dass die Türkei noch einziger Konkurrent Deutschlands um die Ausrichtung der Fußball EM 2024 ist, ist noch ein anderes Thema: Alles vielleicht doch mehr als ein Wahlkampfmanöver, wie DFB-Präsident Grindel meint. Das mag verschwörungstheoretisch gedacht sein. Aber: Hier wurde bewusst agiert und wer agiert, hat sich dies in der Regel gut überlegt. Wie im Fußball gibt es auch hier Strategien, nur andere.

Özil und Gündogan haben ihre Bilder nicht selbst über die sozialen Kanäle gepostet. Aus Rücksicht auf die derzeit schwierigen Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern, ließ Gündogan verlauten. Der Auftritt sei eine Geste der Höflichkeit und des Respekts vor dem Amt des Präsidenten und den eigenen türkischen Wurzeln gewesen. Wenn es so war: Wollen dann beide wirklich nicht gewusst haben, dass ihr Auftreten im Kontext „schwieriger Beziehungen“ auch anderen Schwierigkeiten nach sich ziehen kann? Dass der Auftritt öffentlich wurde, dafür sorgte Erdogans AKP. Damit machte sie beide zu Spielfiguren eines kommunikationspolitischen Strategiespiels, in dessen Fallen dann der DFB tappte.

Der deutsche Bundespräsident Frank Walter Steinmeier tat, was er in seiner Rolle tun musste: Er zeigte sich vom Vorgehen der beiden türkischstämmigen Nationalspieler befremdet, entsprach dann deren Wunsch zu einem Gespräch und tauschte sich mit ihnen lange „über Sport, aber auch über Politik“ aus, wie er selbst auf Facebook kundtat. Dabei gab er deren Bekenntnis „zu unserem Land und seinen Werten“ an die Öffentlichkeit weiter. Dass Steinmeier so politisch naiv gewesen wäre zu glauben, dass sich die Sache damit erledigt hätte, wird an dieser Stelle ausdrücklich nicht unterstellt. Umfragen, wie einen Tag später bei Fokus-Online veröffentlicht (20.05.18), hätten aber DFB und Teamleitung hellhörig machen müssen: Für mehr als die Hälfte der Befragten war die Sache damit eben nicht aus der Welt geräumt, ein weiteres Viertel zeigte sich skeptisch und nur zehn Prozent waren mehr oder weniger zufrieden. An dieser Stelle nimmt das kommunikationspolitische Desaster dann seinen Lauf.

Die kommunikationspolitische Naivität lässt sich in drei Buchstaben fassen: DFB. Wir wollen hier nicht über die später öffentlich gewordenen Umtriebe zur Vergabe der WM 2006 nach Deutschland und den kommunikativen Umgang des Verbandes mit diesem Thema reden. Nur so viel: Glaubwürdigkeit und Vertrauen, das soziale Kapital des Verbandes, wurden auf dem Weg seither verspielt. Die Negativ-Erfahrungen von Öffentlichkeit und Fußballfans mit dem DFB haben des Image geprägt. Abseits der rein sportlichen Ebene bildet dies heute einen Resonanzboden, der Glaubwürdigkeit und Vertrauen infrage stellt. Stefan Effenberg, der bei der WM 1994 Fans beleidigte und dann vier Jahre nicht mehr für die Nationalmannschaft berücksichtigt wurde, ehe er nach kurzem Comeback zurücktrat, hat völlig recht, wenn er beim DFB eine klare Linie vermisst, denn wer Werte proklamiert, muss sich auch an die eigenen Werte halten: Nicht nur so gesehen hätten Özil und Gündogan zu den Streichkandidaten des WM-Kaders gehören müssen.

Das eigentliche Dilemma beginnt genau an dieser Stelle, weil man im DFB zunächst glaubte, ein Ende der Debatte und stattdessen die Solidarität der Fans einfordern zu können, weil es ja nun um Fußball geht. Teammanager Oliver Bierhoff hätte sich vor seinem ARD-Interview zum Saudi-Arabien-Spiel bewusst sein müssen, dass sein kommunikatives Verhalten genau das Gegenteil auslöst. Seine teilweise genervten Reaktionen zeugen von nichts anderem als einem Unverständnis für den Sachverhalt, denn das Ende der Debatte lässt sich nicht verordnen. Sie lässt sich nur beenden, wenn sich ein Sachverhalt erledigt oder an Relevanz verliert. Bundestrainer Jogi Löw hatte es in der Hand, das Thema zu beenden und sich mit seiner Mannschaft auf das Turnier zu konzentrieren. Aber das wäre nur ohne die beiden Nationalspieler gegangen. Eine andere Option gab es nicht, um das Thema aus der Welt zu schaffen. Denn das Thema ist bei genauerer Betrachtung ja nicht neu.

Während Gündogan sich öffentlich zu erklären versucht, schweigt Özil. Aber weder aussitzen oder totschweigen hilft nicht, denn: Man kann nicht nicht kommunizieren. Es ist nämlich eben jener Özil, der zwar als ein Lieblingsspieler des Bundestrainers gilt, der das Mitsingen der Nationalhymne aufgrund seines Migrationshintergrunds aber stets verweigerte. Erst im vergangenen Jahr wurde öffentlich hierüber debattiert. Özils Verhalten passt also ins Bild einer mangelnden Identifikation mit Deutschland. Damit steht die Frage im Raum, ob Özil über seine spielerische Qualität hinaus auch zum Wertegefüge vor DFB und Nationalmannschaft passt – so dies mehr ist als ein Lippenbekenntnis der Teamleitung – im Raum. Da hilft dann auch ein Sechsaugen-Gespräch der beiden Nationalspieler mit der Bundeskanzlerin und deren Verständnis für das vermeintlich naive Vorgehen der beiden nicht weiter, schon, weil auch zu ihrer Glaubwürdigkeit als Politikerin und ihrer Kompetenz in der Sache geteilte Meinungen bestehen.

Vertrauenswerbung sieht anders aus. Sie setzt Einstellung, Haltung und adäquates Verhalten voraus, um darüber auch vertrauensbildend und vertrauenspflegend kommunizieren zu können. Gerade weil der DFB in den vergangenen Jahren viel sozialen Kredit und Glaubwürdigkeit verspielt und Beziehungskapital verloren hat, wird er an dieser Stelle heftig attackiert. Auch wenn das Verhalten von Özil und Gündogan tatsächlich naiv gewesen sein sollte, so passt es doch zu Authentizitätserwartungen, mit denen dem DFB und seinen Akteuren begegnet wird. Damit lag im Fall Özil/Gündogan für den DFB sogar die Chance, verlorenes Beziehungskapital zurückzugewinnen, indem man sich an den eigenen Werten orientiert hätte: Politik und Sport auf der Spielerebene zu trennen, weil sich die Spieler auf eine WM zu konzentrieren haben. Ob die Intention naiv oder gedankenlos war: Wer gegen diesen Grundsatz verstößt, muss als mündiger Spieler auch die Konsequenzen tragen. Mit einer Streichung aus dem Kader wäre nicht nur das Thema aktuell beendet gewesen, es hätte auch die Glaubwürdigkeit des DFB gestärkt. Jetzt bleibt nur noch, auf Zeit zu spielen.

Natürlich werden Thema und öffentliche Meinungen in den Hintergrund gedrängt, sollte die deutsche Mannschaft beim WM-Turnier erfolgreich sein – wahrscheinlich sogar unabhängig von der Aufstellung. Eine konzentrierte und optimale Vorbereitung auf eine WM sieht aber anders aus. Hier geht Erdogans Strategie auf. Denn auch sportlich gesehen hatte jede der beiden möglichen Lösungen negative Konsequenzen: Eine WM ohne diese Spieler, wie eine WM mit diesen Spielern, aber den Turbulenzen im Umfeld, deren Einfluss auf diese Spieler und die Mannschaft usw. Und sollte Deutschland den Titel gewinnen, dann hätte man das alles einfacher haben können. Nur eines wäre fortgesetzt naiv zu glauben: dass das Thema damit ausgesessen ist. Nach dem Spiel ist auch hier vor dem Spiel, weil der DFB hat es versäumt hat, ein Zeichen. Nach der WM sehen wir also weiter. In jeder Hinsicht und mit oder ohne WM-Titel. Nur eines ist heute schon klar: Schönreden geht auch hier nicht. Dafür ist der Fall ein Musterbeispiel. Es braucht eine Strategie, um künftig kommunikationspolitisch bestehen zu können.

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