Özil Gündogan Erdogan DFB

Das WM-Desaster – ein unfreiwilliger Feldversuch in Sachen Beziehungskapital


„Angst fressen Seele auf“, so lautet vor über 40 Jahren der Titel eines Melodrams des jung verstorbenen Regisseurs Rainer Maria Fassbinder. Melodramen sind Stücke mit emotionalen, inneren Konflikten. Welcher Begriff als der des Melodrams könnte es rückblickend besser beschreiben, wenn es um die Beziehungen zwischen „der Mannschaft“, die für Deutschland spielte und im Sinne dieser Betonung keine war, und Bundestrainer, Team- und Verbandsführung geht. Die Geschichte ist ein Musterbeispiel dafür, welche Rolle Beziehungskapital spielt, wenn es um die Voraussetzungen für Leistungsbereitschaft und Leistungen organisierter Einheiten geht. Entsprechend geht es im Folgenden nicht darum, sportliche Ursachenforschung für das deutsche WM-Desaster im russischen Sotchi zu suchen, sondern den Beziehungskapital-Ansatz zu nutzen, um Prozesse und Ereignisse der vergangenen zwölf Monate rund um die deutsche Nationalmannschaft aus Perspektive der Akteure in einen Zusammenhang zu stellen.

„Erwartungen fressen Seele auf, wenn Beziehungskapital nicht mitgedacht wird“, so lässt sich das Melodram dieser Mannschaft in Abwandlung des Fassbinder Titels auf den Punkt bringen. Die Geschichte beginnt fast auf den Tag genau ein Jahr vor dem Scheitern: Am 2. Juli 2017 schlägt eine junge deutsche Nationalmannschaft ohne die Mehrzahl der etablierten Weltmeisterspieler von 2014 in der Aufstellung „ter Stegen, Rüdiger, Mustfi, Ginter, Hector, Rudy, Goretzka, Kimmich, Draxler, Strindl, Werner“ im Finale des Confed-Cup, des internationalen Turniers der amtierenden Welt-und Kontinentalmeister, Chile mit 1:0. Der erste Erfolg einer deutschen Mannschaft in diesem Turnier, bei dem die Beteiligten zurecht davon ausgehen konnten, besonderes geleistet zu haben. Im Sinne eines fortlaufenden Generationenwechsels durften die Spieler dieser jungen Mannshaft nach diesem Erfolg mit Recht die Erwartung haben, zum Grundgerüst der Mannschaft für die Weltmeisterschaft in Russland zu gehören.

Entgegen diesen Erwartungen setzte der Bundestrainer auf ein Grundgerüst etablierter Spieler der Weltmeistermannschaft von 2014. Auch wenn Mario Götze, seinerzeit Schütze des goldenen Weltmeistertores in Brasilien, aus Leistungsgründen nicht für den WM-Kader nominiert wurde, spricht vieles dafür, dass es die Unterschiede der Spieler in ihren Erwartungen rund um Leistung und Zutrauen waren, die verhinderten, dass aus den Spielern beider Gruppen die erwartete Mannschaft wurde. Ein Schlüssel zum Verständnis liegt im Verhältnis des Bundestrainers zu seinem Mannschaftskapitän. Aufgrund eines wiederholten Fußbruchs seit Oktober 2017 ohne Spielpraxis, hielt ihm der Bundestrainer nicht nur die Tür für den Kader offen, er garantierte ihm auch den Nr. 1-Status für den Fall rechtzeitiger Genesung. Der Fall trat ein und, was entscheidender war: Das Leistungsprinzip, zudem im Hochleistungsfußball eigentlich eine hochwertige Leistung in hochwertiger Spielpraxis gehört, wurde für alle sichtbar außer Kraft gesetzt.

Diese Sonderstellung Neuers hat nicht nur dem Leistungsgedanken widersprochen, wie laut sportschau.de auch aus Spielerkreisen verlautet, es verletzte das Vertrauen der Spieler insgesamt in die Gültigkeit dieses Prinzips. Ihre berechtigte Erwartung, dass die Leistung und die Rolle, die damit in der Mannschaft zu erbringen ist, die entscheidenden Kriterien für eine Mannschaftaufstellung sind, wurde hier enttäuscht. Nur mag ja der Welttorhüter Neuer ein außergewöhnlicher Torhüter sein, Marc-André ter Stegen ist immerhin gut genug als Stammtorhüter des FC Barcelona und Confed-Cup-Sieger. Neuer ob seiner Verdienste mitzunehmen, aber ter Stegen als Nummer 1 spielen zu lassen, wäre das Zeichen an die jüngeren Spieler gewesen, dass die Leistungskriterien nicht außer Kraft gesetzt sind.

Beziehungskapital ist in diesem Sinne das Vertrauen der Spieler, dass der Bundestrainer im Dienste der Sache und mit Blick auf den jeweiligen Gegner einer Mannschaft aus den leistungsstärksten Spielern vertraut. Fühlen sich diese in ihrer Vertrauenserwartung enttäuscht, sind zwei Reaktionen zu erwarten: Übermotivation, es noch besser zu machen, um nicht eine Enttäuschung zu erleiden, oder Demotivation, weil der Einsatz ja doch nichts nützt, und sich der Enttäuschung ergeben. Umgekehrt konnten die etablierten Spieler sicher sein, einen Erfolgs- oder Erfahrungsbonus zu besitzen, was im Team für unterschiedliche Erwartungsstrukturen sorgte. Ober anders ausgedrückt: Das Beziehungskapital des Bundestrainers zu den verschiedenen Spielergruppen basierte formal und inhaltlich auf unterschiedlicher Beziehungsqualität. Da von den Spielern gefühlt mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen wurde, wurde das Entstehen einer Mannschaft fraglich.

In diese sich schon in der ersten Jahreshälfte anhand der Diskussion um Manuel Neuer und das Auftreten bei den Testspielen abzeichnende Situation ‚grätschte‘, sozusagen als Verstärker, dann noch der Fall Erdogan mit dem politisch instrumentalisierten Auftritt von Mesut Özil und Ilkay Gündogan Mitte Mai in London unmittelbar vor der Nominierung des deutschen WM-Kaders. Wären beide daraufhin gestrichen worden, hätten Bundestrainer und DFB hier ein klares Zeichen für gesetzt, was sie von jedem Spieler der Mannschaft erwarten: die Unterordnung aller anderen Interessen unter die gemeinsame Sache. Punkt. So wurde daraus ein Thema, dass das Team in einem kommunikationspolitischen Würgegriff nahm, von dem es sich nicht mehr erholte: Konzentration und Vorbereitung auf ein WM-Turnier sieht definitiv anders aus: Eigentlich sollte hier nebenbei – und auch aus Marketinggründen – auch Beziehungs- und Vertrauenskapital gegenüber der deutschen Fangemeinde aufgebaut werden … Und: Die letzte Chance, alle Spieler auf ein gemeinsames Ziel mit gemeinsamen Erwartungen auszurichten, war vertan.

Wenn Jogi Löw nun als Bundestrainer weiter macht, muss er sich eine Frage stellen, die Horst Hrubesch der heimliche Erfolgstrainer des Deutschen Fußballbundes längst für sich erfolgreich beantwortet hat: Wie nämlich kann es mir gelingen zu allen Spielern oder Spielergruppen ein von gemeinsamen Vertrauen getragenes Beziehungskapital aufzubauen, das ihnen die Bereitschaft abverlangt, sich bedingungslos im Team und für das Team einzusetzen. Hierfür gibt es Merkmale und Indikatoren, die letztlich darüber entscheiden, wer warum (momentan) in ein Team passt oder nicht. Der Feldversuch WM 2018, hier einen anderen Weg zu gehen, ist am 27. Juni 2018 gescheitert. Er musste scheitern – gut nur, dass es nicht erst im Viertelfinale passiert ist, denn dann wäre es weniger aufgefallen und kein Melodram geworden …